Wenn der CEO ausrastet….

Hilfe… Wenn ich so weitermache, bringe ich noch jemanden um! Am anderen Ende der Telefonleitung befand sich der Mitvierziger Herr Dr. Falkenmaier (Name abgeändert), regionaler Asienvorstand eines europäischen Großkonzerns in Singapur, der auf Anraten seines amerikanischen Kollegen, dringend um einen Gesprächstermin bat. Der Auslöser für diesen Notruf waren seine irrationalen, unkontrollierbaren, urplötzlichen und immer heftiger werdenden Wutanfälle, die angsterregende Dimensionen annahmen – insbesondere, wenn er selbst am Steuer seiner Dienstlimousine saß. Sobald ein größeres bzw. noch teueres Auto ihn überholte oder neben ihm fuhr, stieg diese unerklärliche Wut in ihm auf. Gnadenlos verfolgte er dann dieses Auto und schnitt jenen „Luxuskarossen” rücksichtslos den Weg ab. Seit neuestem versucht er sogar, diese in lebensgefährlicher Weise von der Straße abzudrängen. Dabei hupt Herr Falkenmaier wie verrückt, gibt drohende Lichtsignale, zeigt den berüchtigten Mittelfinger und verspürt das Verlangen, die ‚gejagten’  Fahrer aus deren Wagen herauszuziehen und zu verprügeln.

Bisher konnte er sich im letzten Moment immer noch zügeln, fürchtet nun aber, daβ er mit seinem aggressiven Verhalten schon bald im Gefängnis landen wird, wenn er nicht sofort konkrete Schritte unternimmt, um drohendes Unheil zu verhindern.

Auch „explodiert” er seit langem „vulkanartig”, wenn seine Chefs aus der europäischen Zentrale anrufen, um etwas mit ihm zu besprechen. Erstaunlicherweise gerät er nur bei Personen in Rage, die ihm übergeordnete Positionen innehaben. Da er befürchtet, daβ die Geschäftsleitung ihn hinter seinem Rücken schon als einen „Psychopathen” betrachtet und ihn deshalb vermutlich bald von seinem Führungsposten in Singapur abziehen wird,  besuchte er auf Drängen seiner besorgten Ehefrau, ohne Wissen der Firma, einen  Aggressions – und  Konfliktbewältigungskurs. Mit diesem vernünftigen Schritt wollte er sein irrationales Verhalten in den Griff bekommen und damit einer potentiellen Rückversetzung nach Deutschland entgegenwirken. In dem Kurs eignete er sich hilfreiche Tipps und Entspannungstechniken an, die ihm in gewöhnlichen Stresssituationen auch halfen weniger zornig zu werden. Allerdings bewirkten diese nichts gegen die immer wieder aus heiterem Himmel auftretenden explosiven Wutausbrüche.

Counselor oder Psychologe?

In seiner Ohnmacht vertraute er sich einem amerikanischen Mitarbeiter an. Dieser war erstaunt, daβ Herr Falkenmaier bisher noch keine professionelle Hilfe bei einem Counselor in Anspruch genommen hat. Im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern, ist es in den USA, ganz selbstverständlich, neben seinem Rechtsanwalt, Zahnarzt, Wirtschaftsprüfer auch einen persönlichen Psychiater oder Counselor (nicht zu verwechseln mit Coach oder Consultant !) zu haben, den man beinahe regelmäßig aufsucht, wenn man sich in einer schwierigen emotionalen, Lage befindet.

Der Gedanke einen Psychologen zu konsultieren, verursachte Dr. Falkenmaier großes Unbehangen, da er die Sorge hatte, eine ungünstige Diagnose (z.B: manisch-depressiv oder antisoziale Persönlichkeitsstörung) für sein impulsives Verhalten gestellt zu bekommen, „die er dann ein lebenlang nicht mehr los werde“. Derartig  „stigmatisiert“  hätte er keine Zukunft mehr in seinem Unternehmen, falls jemand im Headoffice „Wind davon bekommen würde“. Auch machte er sich (ungerechtfertigterweise) Sorgen, dass ein Besuch bei einem Psychologen, ihn im Familien und Freundeskreis als jemanden abstempelt, der nicht „alle Tassen im Schrank habe“.

Letztendlich entschloβ er sich mit seinem Telefonat für den Counselor (oftmals auch als Psychotherapeut bezeichnet). Dieser wendet zwar psychologische Methoden an, um Beschwerden und Störungen im Erleben und Verhalten eines Menschen, die nicht ausschließlich körperlich begründet sind zu behandeln, stellt selbst aber keine Diagnose und verschreibt auch keine Psychopharmaka. Somit ist derjenige, der zu einem Counseler geht, auch kein Patient sondern ein Klient.

Wenn Reizbarkeit zu „zeitweiligen explosiven Störungen “ ausartet.

Jederman weiss was Ärger bedeutet und wie man sich dabei fühlt. Wer hat nicht schon mal zornig den Telefonhörer krachend aufgelegt oder eine Tür mit lautem Getöse zugeschlagen. Ärger, Wut, Frustration, ist eine vollkommen normale und notwendige Gefühlsregung und somit auch nichts Schlechtes. Ja, derartige Emotionen können sogar gesund sein, wenn man mit diesem Gefühl konstruktiv umgeht. Ärger kann uns Energie verleihen Probleme zu lösen oder kann uns in gefährlichen Situationen schützen.

Allerdings wenn Ärger in blinde unkontrollierte zerstörerische Wut ausartet und damit aus dem Ruder läuft, dann kann dies äuβerst unangenehme und folgenreiche Konsequenzen für den Einzelnen nach sich ziehen, sei es am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich. Immer öfters liest man nun, daβ sonst so friedfertige Frauen und Männer, ohne irgendwie provoziert worden zu sein, plötzlich „rot sehen“ und vollkommen „ausrasten. Die „American Psychatric Association’ bezeichnet derartige unberechenbare heftige Wutausbrüche als ‚zeitweilige explosive Störung’ (intermittent explosive disorder).

Kennzeichen dieser unkontrollierten Störungen sind wiederholte Zorn-Episoden von aggressivem, gewalttätigen Verhalten, die in keinem Verhältnis zu der Ausgangs- situation stehen. Menschen mit derartigen Impulskontrollstörungen sind in der Lage andere körperlich schwer zu verletzen oder deren Eigentum absichtlich zu beschädigen. Diese etwa 10 – bis 20 minütigen Episoden enden ebenso plötzlich wie sie begonnen haben und die Betroffenen bedauern – im Gegensatz zu Personen mit Antisozialer Persönlichkeitsstörung – ihr ungerechtes, zerstörerisches Verhalten. Menschen mit zeitweilig explosiven Störungen berichten von Gedankenraserei und/oder von einem erhöhten Energiespiegel während der aggressiven Perioden, auf welche dann meistens Erschöpfung und Depression folgt.

Etwa 6 Millionen menschliche Vulkane in Deutschland?

Obwohl die Prävalenz der ‚intermittierenden explosiven Reizbarkeit’ für Deutschland nicht bekannt ist, darf man davon ausgehen, daβ diese  in der BRD ebenso häufig auftritt wie in den USA, und oftmals die Ursache für unerklärliches gewaltsames Verhalten ist. Danach machen mehr als 7% der Erwachsenen einen oder mehrere derartiger explosionsartigen Wutanfälle in ihrem Leben durch, wobei ihr Ärger, genauer gesagt – ihre Wut, ihr Zorn sich vulkanartig von Null auf Hundert steigert. Zeitweise explosive Störungen’ treten vermehrt bei männlichen Wesen auf.

Korrekterweise muss erwähnt werden, daβ es ziemlich schwierig ist derartige „Pulverfassmenschen“ alszeitweilig explosiv’ zu diagnostizieren. Einmal, weil es Menschen gibt, die von Geburt an äuβerst empfindlich sind und leicht wütend werden, und somit vermutlich genetisch extrem reizbar veranlagt sind. Zum anderen weil es andere Impuls – und Gemütsstörungen gibt (z.B.: ADHD, Depression) die sehr ähnliche Symptome aufweisen. Und zum Dritten, weil viele Menschen generell Ärgerbe- wältigungsprobleme und damit verbundene Verhaltensprobleme haben. Auch spielt die Familienherkunft oftmals eine Rolle für permanente  Reizbarkeit. Typischerweise kommen Personen, die sich leicht ärgern, schnell zornig und aggresiv werden, oftmals aus gestörten, chaotischen und gefühlsarmen Familien.

Die Sucht nach „ganz normalen“ Wutausbrüchen

Es gibt unzählige Gründe warum Menschen ihren „Dampf aus heiterem Himmel ablassen” oder plötzlich in unsagbare Rage geraten – ohne dabei unter die zuvor erwähnten Kategorien zu fallen. So können beispielsweise physische Bedingungen wie sexuelle Frustrationen, Hunger und körperliche Schmerzen dafür verantwortlich sein. Weiterhin tragen insbesondere Schikanen, Frustrationen, Drohungen, Entäuschungen und Verärgerungen am Arbeitsplatz oder in der Familie zu jenem irrationalen explosivem Verhalten bei.

Man darf davon ausgegehen, dass Ärger, Wut, Rage vermutlich das am schwierigsten in den Griff zu bekommende Gefühl ist. Zudem wird das Ärger – und Wutgefühl immer von physiologischen und biologischen Veränderungen begleitet. Die Herzschlagrate und der Blutdruck sowie der Energiehormonspiegel Adrealin erhöhen sich. Erstaunlicherweise erlebt man nicht selten nach Wutanfällen eine Art Euphorie und ein Wohlgefühl. Werden diese Wutausbrüche von starken Muskelanspannungen begleitet, dann können zudem Endorphine (auch als Glückshormone bekannt) ein noch zufriedeneres Gefühl des Wohlbefindens erzeugen. Somit wird verständlich warum manche Menschen „süchtig“ nach explosiven Ärger und Wutausbrüchen sind.

Zuviel Ärger erzeugt Stress und ist dafür verantwortlich, daβ eine Vielzahl von Menschen krankgeschrieben werden. Ärger, Wut, Reizbarkeit sind häufig die Ursache dafür, daβ der Magen “sauer aufstößt”, so daβ Sodbrennen entsteht. Wer sich chronisch ärgert und schnell wütend wird, erhöht zudem das Risiko eines Infarktes oder Schlaganfalles. Ständiger Ärger ist zudem ein wichtiges Signal dafür, daβ möglicherweise ein emotionales Problem vorliegt, das gelöst werden muss. Unterbleibt dies, besteht die Gefahr, daβ die betreffende Person später unter Depressionen leidet oder Drogen und Alkoholabhängig wird.

Sowie Ärger, Wut, oder Zorn den persönlichen Alltag dramatisch negativ beein- trächtigen, sollte man Herrn Dr Falkenmaiers Beispiel folgen und auf jeden Fall um Hilfe nachsuchen.

Nicht nur an den Symptomen „herumdoktern“,  sondern auch die Ursachen bekämpfen.

Nachdem Herr Falkenmaier sich vergewissert hatte, daβ Counselor (Psychotherapeut) keine Quacksalber sind, entschied er sich einen aufzusuchen. Er wurde sich erstmals richtig bewuβt, daβ er bisher lediglich versucht hatte, die Symptome seiner Wutanfälle mittels Konfliktmanagementtechniken in den Griff zu bekommen, nicht jedoch die eigentliche Ursache herauszufinden, um diese für immer zu beseitigen.

Nun sah der CEO endlich eine Chance, mit Hilfe des Counselors, wieder Herr über seine negativen Emotionen und sein ungezügeltes Verhalten zu werden.

Auf den Therapiemix kommt es an

Um herauszufinden, was sein aggressives zwanghaftes Verhalten auf der Straße und das gegenüber seinen Bossen tatsächlich auslöst, wandte der Counselor in den folgenden Sitzungen, mit Zustimmung von Herrn Dr. Falkenmaier, eine Mischung aus Kognitiver Verhaltenstherapie, klientenzentrierter Gesprächstherapie und klinischer Hypnose an. Letztere ist ein bewährtes ergänzendes Therapieinstrument, um verdrängte signifikante Erinnerungen von traumatischen Ereignissen aus der Vergangenheit wieder in das Bewusstsein zurückzurufen.

Verarbeitung  traumatischer Kindheitserlebnisse

Herr Dr Falkenmaier erinnerte sich in der Therapie an seine Kindheitserlebnisse und schlug dann eine Brücke zu seinem heutigen irrationalen Verhalten. Herr Dr Falkenmaiers traumatische Erfahrungen als Kleinkind und als angehender Jugendlicher immer nur der Prügelknabe zu sein, machten ihn – ohne dass er sich bisher dessen bewuβt war – feindselig gegenüber all’ denjenigen, die er für Autoritäten hielt. Zudem hatte er als Junge – wiederum unterbewuβt – eine wichtige Lektion gelernt: Schlägt er zuerst zu und ist selbst aggressiv, dann ist er Herr der Situation und muβ sich nicht vor Attacken derer fürchten, die vermeindlich stärker, mächtiger, größer oder älter sind. Dieses für den Jugendlichen hilfreiche Verhaltensmuster hatte er in seinem Unterbewuβtsein (fälschlicherweise) auch als Erwachsener beibehalten und auf den Straßenverkehr und auf sein Arbeitsleben übertragen.

Die Macht des Unterbewuβtseins

Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, daβ die größeren und teueren Autos, die er so gnadenlos verfolgt und die ihn so rasend machen, seine Eltern darstellen, gegen deren Misshandlungen er sich letztendlich nur mit Aggression und Zurückschlagen durchsetzen konnte. Seine unkontrollierten Wutanfälle gegenüber seinen Chefs lassen sich nun ebenso leicht erklären. Auch hier beeinträchtigte sein unterbewuβtes (jugendliches) Wertesystem in störenderweise dessen Denkprozess. Seine ständige unterschwellige Angst von der Firmenleitung unfair behandelt, bedroht und abgelehnt zu werden – genauso wie dies in der Vergangenheit sein Vater und seine Mutter taten – entfachte diese urplötzliche Reizbarkeit, die sich schnell zur Rage steigerte.  In einer derartig erregten Situation wurde folgendes  Stress-Signal im Gehirn aktiviert: Kämpfe – greife an! (Anstelle von: Bleibe besonnen aber bestimmt!).

Herr Dr. Falkenmaier realisiert nun, daβ sein damaliges Verhaltensmuster als Jugendlicher zwar ein geeignetes Rezept war, um sich vor Eltern und anderen Autoritäten zu schützen, dieses ihm aber heutzutage als Erwachsener nicht mehr nützt, sondern – ganz im Gegenteil – enorm schadet und somit keine Gültigkeit mehr besitzt. Auf der emotionalen Ebene ist er sich nun auch bewuβt, dass er nicht mehr der hilflose Junge ist, sondern der gestandene CEO, der keine Angst mehr haben muss, weder vor seinen Eltern noch vor anderen Autoritäten. Ihm ist nun auch klar, daβ sein früheres Verhaltensschema (Verbalattacken, Einschüchterung und unkontrollierte Wutanfälle gegenüber übergeordneten Personen) nicht mehr auf Situationen im hier und jetzt übertragen werden kann, da es ihm nur noch schaden würde. Er ist erleichtert nun zu wissen warum er bisher auf der emotionalen Ebene so vulkanartig explodierte, und kann nun gezielt seine zuvor erlernten Anger – Management -Techniken effektiv einsetzen.

Kürzlich rief er erfreut an und erwähnte stolz: „Ich kontrolliere nun meine Wut bevor sie mich kontrolliert“.

Zudem berichtete er, daβ er sich nun bestens mit seinen Vorgesetzten versteht und auch auf der Straβe größere Limousinen an sich vorbeiziehen läβt, ohne dabei ein Gefühl der Aggression zu entwickeln.

Schlussbemerkung:

Dieser Fall ist kein Einzelfall mehr. Wer unter einer starken Erkältung oder unerklärlichen Schwindelanfällen leidet, sucht in der Regel ohne Scheu einen Arzt auf. Analoges sollte auch für psychische Probleme gelten! Mehr und mehr Führungskräfte überwinden ihre Hemmschwelle und nehmen die professionelle Hilfe eines Therpeuten in Anspruch, wenn sie emotional oder mental in eine Sackgasse geraten sind. Zudem sollte man wissen, daβ was immer in den Therapiesitzungen besprochen wird, streng vertraulich bleibt. Vielfach werden Counselor nun auch in die Unternehmen gerufen, um das physische und psychische Wohlbefinden und damit die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu fördern.

MG-Dec-Issue-out-now

Dr W. Auer von Herrenkirchen, Counselor (MA) & Certified Hypnotherapist (International Medical& Dental Health Association; NGH), engagiert sich in privaten und öffentlichen Großunternehmen mit vielzähligen Vorträgen und Seminaren, die sich mit psychologischen Problemen (Depression, Ängsten, Stress, Konflikte am Arbeitsplatz usw.) beschäftigen. Neben kognitiver Verhaltenstherapie hat er sich auf klinische Hypnose spezialisiert, die insbesondere im Bereich Schmerzmanagement (pain management) und bei traumatischen Erlebnissen eingesetzt wird.  Zudem hilft er Einzelpersonen, Ehepaaren, Familien und Mitarbeitern in Organisationen ihre kognitiven, emotionalen und verhaltensbasierenden Schwierigkeiten zu überwinden.

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